Antenne Bad Kreuznach
today20. Juli 2025
Architekt Sandro Ferri im Gespräch mit Antenne Bad Kreuznach
Fünf Jahre lang war das Bad Kreuznacher Brückenhaus mit der markanten Schwedenkugel eine der anspruchsvollsten Baustellen der Stadt. Was heute wieder in neuem Glanz erstrahlt, stand lange Zeit auf der Kippe. Architekt Sandro Ferri hat das denkmalgeschützte Haus nicht nur baulich gesichert, sondern auch historische Schätze freigelegt und moderne Technik mit jahrhundertealter Bausubstanz vereint. Im Gespräch mit ANTENNE Bad Kreuznach schildert er die Herausforderungen und Überraschungen einer der spektakulärsten Sanierungen der Region.
ANTENNE:
Herr Ferri, wie kam es eigentlich dazu, dass Ihr Büro die Sanierung des Brückenhauses übernommen hat?
Sandro Ferri:
Die Anfrage kam 2017 oder 2018. Wir kannten Herrn Endemann bereits von einem Projekt in Bingen. Dort hatten wir ein ähnlich komplexes Denkmal saniert. Er wusste, dass wir Erfahrung mit historischen Gebäuden und Denkmalschutz haben – unter anderem mit dem Alt-Berlin in Bad Kreuznach.
ANTENNE:
Gab es da bei Ihnen gleich Begeisterung oder eher Respekt?
Sandro Ferri:
Beides. Ich habe das Gebäude schon immer sehr geschätzt – Lage, Architektur, Geschichte. Ich kannte es sogar noch von der alten Weinbar. Das war eine sehr spannende Aufgabe, da konnte man nicht Nein sagen.
ANTENNE:
Was sind die ersten Schritte bei so einer Sanierung?
Sandro Ferri:
Eine sehr genaue Bestandsaufnahme. Ohne alte Pläne muss man ein verformungsgerechtes Aufmaß machen, jedes Detail dokumentieren. Erst durch Öffnungen in Bauteilen erkennt man, wie es um die Statik steht.
ANTENNE:
Was wurde als Erstes unternommen?
Sandro Ferri:
Ein Schwerlastgerüst wurde unterhalb der Auskragung gebaut, weil Einsturzgefahr bestand. Teile der Erdgeschossdecke waren durchgebrochen. Das Gerüst musste auf eigenen Fundamenten stehen – mitten im Hochwasserbereich. Es war sehr aufwendig.
ANTENNE:
Was waren die größten Herausforderungen?
Sandro Ferri:
Die Lage am Wasser, die komplizierte Geometrie – das Gebäude wird nach oben hin breiter – und die veränderte Statik durch frühere, unsachgemäße Umbauten. Tragende Bauteile wurden entfernt, zum Beispiel im Erdgeschossbereich, was massive Setzungen verursacht hat.
ANTENNE:
Wie sind Sie statisch dagegen vorgegangen?
Sandro Ferri:
Wir haben ein Stahlkorsett eingebaut, das die auskragende Wand trägt. Die Wand war bis zu 25 Zentimeter abgesackt. Das neue System wurde rückverankert – technisch sehr anspruchsvoll.
ANTENNE:
Gab es historische Funde?
Sandro Ferri:
Ja. Neben der bekannten Schwedenkugel entdeckten wir zwei weitere – in Gefachen versteckt. Außerdem fanden wir Bleikugeln aus dem Dreißigjährigen Krieg, eingeschlagen im Fachwerk.
Hinweis der Redaktion: „Gefache“ sind die einzelnen Felder zwischen den tragenden Holzbalken eines Fachwerkhauses. Sie bilden quasi die „Zwischenräume“ des Holzgerüsts. Diese Gefache wurden traditionell mit verschiedenen Materialien ausgefüllt, zum Beispiel: Lehm-Stroh-Gemisch, Ziegelssteinen, Bruchsteinen.
ANTENNE:
Auch die Fassade wurde stark verändert?
Sandro Ferri:
Absolut. Ursprünglich war das Fachwerk sichtbar. Später wurde es dick verputzt – mit ungeeigneten Materialien, die zu Schäden führten. Als wir den Putz entfernten, kam ein reich verziertes Fachwerk mit geschnitzten Gesichtern zum Vorschein. Die Denkmalbehörde war anfangs skeptisch, aber nach unseren Farbuntersuchungen konnten wir überzeugen: Die Fassade wurde in den ursprünglichen Farben Altgrün, Ocker und Grautönen restauriert.
ANTENNE:
Wie energieeffizient ist das Haus jetzt?
Sandro Ferri:
Sehr. Es ist ein Effizienzhaus. Beheizt wird es über eine Brennstoffzelle im Spitzboden – inklusive Warmwasser. Wir haben mit Holzfaser-Innendämmung und aufwändiger Fassadendämmung gearbeitet. Das reduziert den Energiebedarf enorm.
ANTENNE:
Wie aufwendig war es, moderne Technik einzubringen?
Sandro Ferri:
Extrem aufwendig. Die Brennstoffzelle ist schwer – wir mussten die Decke verstärken. Die Leitungsführung war eine Herausforderung, da in alten Gebäuden keine Wand über der anderen liegt.
ANTENNE:
Wie verlief die Zusammenarbeit mit der Familie Endemann?
Sandro Ferri:
Sehr eng und sehr konstruktiv. Herr Endemann und seine Töchter hatten klare Vorstellungen, zum Beispiel die Reduzierung der Gastronomiefläche auf eine Ebene und die Trennung der Zugänge für Ferienwohnungen und Weinbar. Alles wurde gemeinsam entwickelt.
ANTENNE:
Gibt es ein bauliches Detail, auf das Sie besonders stolz sind?
Sandro Ferri:
Die alte gewendelte Treppe. Der heutige Verlauf ist nicht original. Sie wurde früher an anderer Stelle eingebaut – dabei wurden tragende Balken durchtrennt, was zu einer Verformung der Fassade führte. Wir haben die Fassade hydraulisch angehoben und gesichert, aber die Treppe bewusst so belassen. Wer genau hinsieht, erkennt die kurzen Balkenstücke.
ANTENNE:
Was überwiegt jetzt: Erleichterung oder Stolz?
Sandro Ferri:
Beides. Es ist ein gutes Gefühl, ein Gebäude dieser Bedeutung gerettet zu haben. Jahrzehntelang stand es leer oder wurde nur kurz genutzt. Jetzt hat es wieder eine Zukunft – und die Menschen in Bad Kreuznach freuen sich sichtbar darüber. Das zeigt mir, wie wichtig dieses Haus für die Stadt ist.
ANTENNE:
Haben Sie denn schon Ihren ersten Feierabendwein dort getrunken?
Sandro Ferri:
Ja, mit Herrn Endemann – noch vor der offiziellen Eröffnung. Und ich bin sicher, es werden noch viele Gläser folgen.
Geschrieben von: Lena Winterfeld
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