Nahe Dran

Nahe Dran: Museum & Forschungsstelle Kaiserpfalz Ingelheim

today5. März 2026

Hintergrund
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Ein unberaubtes fränkisches Kriegergrab aus dem 7. Jahrhundert hat im Sommer 2023 in Ingelheim für Aufsehen gesorgt. Der Fund an der Rotweinstraße gilt unter Archäologinnen und Archäologen als kleine Sensation. Vor allem die Grabbeigaben liefern wichtige Hinweise auf das Leben im Frühmittelalter und darauf, wie Menschen damals ihre gesellschaftliche Rolle verstanden haben.

Im Radiotalk „Nahe Dran“ auf der Antenne sprechen die Historikerin Miriam Maslowski vom Museum bei der Kaiserpfalz und Kulturwissenschaftler Benjamin May von der Forschungsstelle Kaiserpfalz Ingelheim über die Bedeutung solcher Funde. Sie erklären, wie Archäologie und Geschichtswissenschaft gemeinsam versuchen, das Alltagsleben im frühen Mittelalter zu rekonstruieren.

Ingelheimer Grabbeigaben als wichtige Quelle der Archäologie

Für Archäologen gehören Grabbeigaben zu den wichtigsten Quellen, um vergangene Gesellschaften zu verstehen. Waffen, Schmuck, Kleidung oder Werkzeuge geben Hinweise auf Wohlstand, Tätigkeiten, Glaubensvorstellungen und soziale Stellung der Verstorbenen.

Im Frühmittelalter wurden Menschen oft mit Gegenständen bestattet, die ihren Status oder ihre Rolle im Leben symbolisierten. Männergräber enthalten häufig Waffen oder Werkzeuge, während Frauengräber meist durch Schmuck oder Kleidungsbestandteile geprägt sind. Gleichzeitig gibt es auch viele geschlechtsneutrale Beigaben wie Gefäße oder Alltagsgegenstände.

Besonders spannend wird es, wenn archäologische Funde mit schriftlichen Quellen kombiniert werden. So entsteht ein immer differenzierteres Bild vom Leben im fränkischen Reich des 7. Jahrhunderts – einer Zeit des Übergangs von der römischen Spätantike zum Mittelalter.

Geschlechterrollen im Frühmittelalter: Komplexer als lange gedacht

Lange galt das Frühmittelalter als strikt patriarchalische Gesellschaft mit klar getrennten Rollen für Männer und Frauen. Neuere Forschung relativiert dieses Bild zunehmend. Archäologische Funde zeigen, dass gesellschaftliche Rollen deutlich komplexer gewesen sein könnten.

So gibt es Gräber mit Gegenständen, die auf weibliche Autorität oder wirtschaftliche Verantwortung hinweisen. Schlüssel, die in einigen Gräbern gefunden wurden, gelten etwa als Symbol für sogenannte „Schlüsselgewalt“. Sie könnten darauf hindeuten, dass Frauen für Vorräte, Haushaltsorganisation oder bestimmte Bereiche eines Hofes verantwortlich waren.

Auch historische Dokumente aus dieser Zeit zeigen, dass Frauen durchaus eigenständig handeln konnten. In Gerichts- und Besitzurkunden treten sie beispielsweise als Klägerinnen auf oder treffen eigenständige Entscheidungen über ihr Eigentum.

Ingelheim als bedeutender Ort im frühen Mittelalter

Der Raum Ingelheim spielte bereits im frühen Mittelalter eine wichtige Rolle. Schon in der römischen Zeit gab es hier Siedlungen. In der merowingischen Epoche entstanden weitere Siedlungsplätze und Königshöfe, die später die Grundlage für die berühmte Kaiserpfalz bildeten.

Unter Karl der Große entwickelte sich Ingelheim zu einem wichtigen Aufenthalts- und Regierungsort des fränkischen Reiches. Die Pfalz diente als zentraler Ort für Reichsversammlungen, Hofgerichte und politische Entscheidungen.

Heute arbeiten Forschungseinrichtung und Museum in Ingelheim eng zusammen, um diese Geschichte zu erforschen und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Museum bei der Kaiserpfalz versteht sich dabei als Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Forschung und regionaler Geschichtsvermittlung.

Vortrag zum Weltfrauentag: „Der Schlüssel im Grab – Geschlechterrollen im Frühen Mittelalter“

Wer tiefer in das Thema eintauchen möchte, hat am Sonntag, 8. März 2026, Gelegenheit dazu. Um 14 Uhr findet im Museum bei der Kaiserpfalz der öffentliche Vortrag „Der Schlüssel im Grab – Geschlechterrollen im Frühen Mittelalter“ statt.

Referentin ist Miriam Maslowski vom Museum bei der Kaiserpfalz. Die Veranstaltung dauert rund 90 Minuten und findet in Kooperation mit der Stabstelle für Vielfalt und Chancengleichheit sowie der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Ingelheim statt. Anlass ist der Weltfrauentag.

Der Eintritt ist frei, die Teilnehmerzahl jedoch begrenzt. Eine telefonische Anmeldung im Museum bei der Kaiserpfalz ist bis zum 6. März möglich. Im Anschluss an den Vortrag lädt die Ingelheimer Gleichstellungsbeauftragte Regina Barroso da Silva zu einem kleinen Snack ein. Das komplette Gespräch mit Miriam Maslowski und Benjamin May gibt es hier im Nahe Dran Podcast zum Nachhören:

Soundcloud

Geschrieben von: Patrick Berger