Brücken-Sanierungsstau: Bad Kreuznach muss Projekte aufgeben

Geschrieben von Lena Winterfeld

BAD KREUZNACH. Brücken sind normalerweise ziemlich geduldig. Sie stehen da, tragen Autos, Fahrräder und Fußgänger und verlangen wenig Aufmerksamkeit. Bis sie es irgendwann doch tun. In Bad Kreuznach ist dieser Zeitpunkt bei erstaunlich vielen Bauwerken erreicht.

Rund 50 Brücken liegen in der Verantwortung der Stadt. Und diese Zahl ist sogar größer, als es die aktuelle Vorlage für den Bauausschuss zunächst vermuten ließ. Denn die dort genannten rund 50 Bauwerke sind tatsächlich nur die Brücken. Weitere Ingenieurbauwerke wie Stützwände oder größere Treppenanlagen kommen noch obendrauf, stellte die Verwaltung in der Sitzung am Mittwochabend klar. Ein erheblicher Teil der Brücken befindet sich in einem schlechten baulichen Zustand.

Das eigentliche Problem dabei: Für diesen Berg an Aufgaben steht derzeit ein Brückeningenieur zur Verfügung.

Der Sanierungsstau ist längst bekannt

Neu ist die Erkenntnis, dass Bad Kreuznach ein Brückenproblem hat, allerdings nicht. Genau das sorgte im Ausschuss für deutliche Kritik.

Ausschussmitglied Manfred Rapp fühlte sich nach den Ausführungen der Verwaltung nach eigenen Worten wie in einer „Wiederholungsschleife“. Seit Jahren werde über den Zustand der Brücken gesprochen. Bereits 2024 habe es eine entsprechende Bewertung gegeben, und auch Planungskosten für mehrere gefährdete Brücken seien wiederholt in die Haushalte eingestellt worden. Sein Vorwurf war deutlich: Es reiche nicht, immer wieder festzustellen, dass die Lage schwierig sei. „Wir können nicht nur warten, bis die Brücke zusammenfällt, wir müssen aktiv werden“, sagte Rapp. Geld für Planungen sei vorhanden gewesen. Wenn die Stadt die notwendigen Arbeiten personell nicht selbst erledigen könne, müssten externe Ingenieurbüros stärker eingebunden werden.

Verwaltung widerspricht: Es fehlt schlicht an Leuten

Den Vorwurf, die Verwaltung komme nicht in die Gänge, wollte man im Ausschuss so allerdings nicht stehen lassen. Das Problem liege vielmehr in der personellen Ausstattung. Für die rund 50 Brücken habe es bereits in der Vergangenheit nur einen Brückenbauingenieur gegeben. In der Diskussion fiel die Einschätzung, dass eigentlich mindestens drei Ingenieure notwendig wären, um diesen Bestand angemessen zu betreuen. Nach zwischenzeitlicher Vakanz verfügt die Stadt inzwischen wieder über einen entsprechenden Fachmann. Der muss allerdings nicht nur neue Brücken planen.

Bauwerksprüfungen, Kontrollen, Gutachten, Ausschreibungen, die Beauftragung und Betreuung externer Ingenieurbüros und die Begleitung laufender Projekte landen ebenfalls auf dem Tisch. Die Verwaltung fasste die Situation entsprechend nüchtern zusammen: Mit dem vorhandenen Personal könne man die Projekte letztlich nur eines nach dem anderen abarbeiten. Besonders pikant: Nach Aussage der Verwaltung wurde im vergangenen Jahr die Anmeldung einer zusätzlichen Stelle für einen Brückeningenieur vom Stadtrat abgelehnt. Eine weitere Ingenieurstelle konnte trotz Ausschreibungen bislang nicht besetzt werden. Die Verantwortung für den Stillstand lässt sich damit nicht bequem auf einer Seite abladen.

„Dann geben wir es eben an ein Ingenieurbüro“ funktioniert auch nicht so einfach

Was zunächst naheliegend klingt, hat ebenfalls einen Haken. Natürlich kann die Stadt externe Ingenieurbüros beauftragen – und macht das auch. Nur verschwindet damit die Arbeit nicht aus dem Rathaus. Die Stadt muss Unterlagen zusammenstellen, Aufgaben definieren, Kosten kalkulieren und Vergabeverfahren vorbereiten. Anschließend müssen die externen Planungen kontrolliert und mit Behörden, Fördermittelgebern, Versorgungsträgern oder beispielsweise der Bahn abgestimmt werden.

Und Fachbüros für Brückenbau sitzen offenbar auch nicht gerade herum und warten auf einen Anruf aus Bad Kreuznach. Kommunen, Deutsche Bahn und Landesbetrieb Mobilität kämpfen nach Darstellung der Verwaltung mit ähnlichen Problemen und konkurrieren um dieselben Fachleute. Bei größeren Planungsleistungen kommt außerdem das Vergaberecht ins Spiel. Oberhalb einer Grenze von 25.000 Euro seien umfangreichere Ausschreibungsverfahren notwendig, erläuterte die Verwaltung im Ausschuss. Selbst ein möglicher Rahmenvertrag mit einem Ingenieurbüro könnte eine europaweite Ausschreibung notwendig machen.

Quellenhofbrücke: 650.000 Euro – nur fürs Wegmachen

Wie drastisch die Situation werden kann, zeigt die Quellenhofbrücke. Sie ist seit dem 15. Dezember 2025 gesperrt. Die Schäden am Tragwerk sind so groß, dass die Brücke zwingend zurückgebaut werden muss. Ein Ersatzneubau wird derzeit nicht weiterverfolgt. Im Ausschuss nannte die Verwaltung erstmals eine Größenordnung: Rund 650.000 Euro könnte allein der Rückbau kosten. Dabei handelt es sich bislang allerdings nur um eine grobe Kalkulation auf Basis eines eingeholten Angebots.

Wer an dieser Stelle denkt, dann könne man für etwas mehr Geld doch gleich eine neue Brücke bauen, wird ebenfalls ernüchtert: Für Abriss und Neubau zusammen steht inzwischen eine grobe Größenordnung von 2,5 bis drei Millionen Euro im Raum. Und selbst wenn der Stadtrat dieses Geld bereitstellen und einen Neubau beschließen würde, wäre das Problem noch nicht gelöst. Die Verwaltung machte im Ausschuss deutlich, dass sie einen solchen Neubau derzeit personell gar nicht umsetzen könnte. Die Quellenhofbrücke steht in der Prioritätenliste vergleichsweise weit hinten, weil der Bereich über eine andere Brücke weiterhin erreichbar ist.

Denn andere Brücken drängen nach vorne

Eine davon ist die Schwimmbadbrücke. Dort wurde ein Ersatzneubau bereits 2024 angegangen – und noch im selben Jahr wieder eingefroren, nachdem ein Mitarbeiter die Verwaltung verlassen hatte. Ein Neubau ist zudem alles andere als einfach. Die Brücke muss wegen des Hochwasserschutzes eine bestimmte Höhe behalten, gleichzeitig soll sie barrierefrei werden und künftig Fußgänger und Radfahrer aufnehmen. Für eine getrennte Führung von Rad- und Fußverkehr wurde in der Sitzung eine empfohlene Breite von bis zu 5,80 beziehungsweise sechs Metern genannt. Vor allem aber drängt die Zeit.

Nach Aussage der Verwaltung ist bei der Schwimmbadbrücke bereits absehbar, dass irgendwann eine Sperrung notwendig werden könnte. Genau deshalb steht sie in der Priorisierung deutlich vor anderen Projekten.

Auch bei der Speckerbrücke wäre eine Sperrung ein echtes Problem

Ähnlich sensibel ist die Speckerbrücke. Sie ist die einzige Überführung der Alsenz zur Erschließung des dahinterliegenden Gebietes. Von einer Vollsperrung wären unter anderem die Drei-Burgen-Klinik, Anwohner, Gewerbebetriebe und der Tourismus betroffen. Aktuell wird deshalb untersucht, ob die bestehende Brücke ertüchtigt werden kann oder ein Neubau notwendig wird. Für die Bauphase könnte sogar eine zusätzliche Behelfsbrücke erforderlich werden. Die Variantenprüfung ist für 2027 vorgesehen.

Bei der Landfuhrbrücke wiederum geht es um eine ganz andere Größenordnung. Die Verwaltung spricht von einem Projekt, das Millionen kosten dürfte. Allein für die Betreuung eines solchen Vorhabens wären nach ihrer Einschätzung rechnerisch rund eine bis eineinhalb Arbeitskräfte notwendig.

Geld allein wird das Problem nicht lösen

Und damit bekommt die Debatte eine interessante Wendung. Denn ausgerechnet in einer Zeit, in der über zusätzliche Infrastrukturmittel gesprochen wird, könnte Bad Kreuznach vor einem ganz anderen Problem stehen: Geld, das zur Verfügung steht, muss auch geplant und verbaut werden können. Im Ausschuss brachte es ein Redner auf den Punkt: Es würden Infrastrukturpakete aufgelegt und Geld bereitgestellt – umgesetzt werden könne vieles trotzdem nicht, wenn das notwendige Fachpersonal fehle.

Die Verwaltung selbst spricht inzwischen von einer „strukturellen Herausforderung“. Priorisiert werden sollen vor allem Bauwerke, bei denen Sicherheitsprobleme drohen, die für das Verkehrsnetz besonders wichtig sind oder bei denen weiteres Warten hohe Folgekosten verursachen würde. Für weniger wichtige Brücken stehen dagegen ausdrücklich auch Rückstellungen, Nutzungseinschränkungen, kleinere Ersatzlösungen oder sogar ein vollständiger Rückbau im Raum.

Das klingt zunächst nach nüchternem Verwaltungsdeutsch. Dahinter steckt aber eine ziemlich grundlegende Frage:

Bad Kreuznach muss in den kommenden Jahren möglicherweise nicht mehr nur entscheiden, wann eine Brücke saniert wird – sondern welche Brücken sich die Stadt mit dem vorhandenen Geld und Personal überhaupt noch leisten kann.

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